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Interview mit Claude Mandil, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA)Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (Gerald Braunberger), 05.03.2006
Frage: Herr Mandil, in Europa zeichnen sich Fusionen großer Energieversorger ab. Ist das gut für die Verbraucher?
Antwort: Wenn ein Unternehmen einen nationalen Markt dominiert, wie es in einigen Ländern der Fall ist, dann ist das natürlich schlecht. In Deutschland gibt es nur zwei oder drei große Stromversorger. Das ist auch nicht viel besser. Aber wir müssen das europäisch sehen.
F: Nur zu!
A: Es hätte keinerlei Sinn, die großen Stromkonzerne in kleine Einheiten aufzuspalten. Denn große Unternehmen sind leistungsfähiger. Wir brauchen statt dessen einen gemeinsamen europäischen Strommarkt, in dem jeder Verbraucher seinen Lieferanten frei wählen kann. So entstünde mehr Wettbewerb zwischen den Produzenten.
F: Davon sind wir weit entfernt.
A: Gefragt ist zunächst die Politik, die einen Rahmen schaffen muß für einen europäischen Markt. Erst dann werden die Unternehmen in mehr grenzüberschreitende Verbindungen für Stromleitungen investieren.
F: Die Internationale Energieagentur gilt traditionell als eine Befürworterin der Atomkraft. Warum?
A: Weil ohne Atomenergie als Bestandteil eines ausgewogenen Energie-Mixes ein nachhaltiges Wachstum in der Welt zu einem vernünftigen Preis unmöglich ist.
F: Das sehen viele Menschen in Deutschland anders.
A: Ich will mich nicht in die Energiepolitik einzelner Länder einmischen. Aber ich finde es gut, daß in Deutschland wieder eine Diskussion über den Nutzen von Atomkraft in Gang kommt. Wir sehen Atomkraft ja auch nicht als Allheilmittel, sondern eben als einen von mehreren Bestandteilen eines verantwortungsvollen Energie-Mixes.
F: Was gehört sonst noch dazu?
A: Vor allem Energiesparen. Das sollte gefördert werden.
F: Steigt mit den hohen Preisen der Anreiz zum Energiesparen nicht automatisch?
A: Ja, aber ich bin schon aus Gründen der Gerechtigkeit gegen hohe Energiepreise. Denn sie treffen die Armen stärker als die Reichen. Wir, die Menschen in den reichen Ländern, klagen zwar über hohe Preise für Energie. Aber wir können sie uns leisten. Für viele Menschen in den Entwicklungsländern sind hohe Energiepreise untragbar.
F: Und wie sparen wir Energie?
A: Ganz einfach. Haben Sie beim Kauf Ihres Computers gefragt, wieviel Strom er im Ruhezustand verbraucht?
F: Ehrlich gesagt: Nein.
A: Ich auch nicht. Aber wir haben eine Studie veröffentlicht, nach der sich in den Industrienationen der Stromverbrauch um 20 000 Megawatt reduzieren ließe, wenn alle elektrischen Haushaltsgeräte im Ruhezustand nur noch ein Watt verbrauchen würden. Das ist mit der heutigen Technik machbar. 20 000 Megawatt entsprechen der Leistung von 20 Großkraftwerken!
F: Ich bin beeindruckt. Noch ein Beispiel?
A: Viele Autofahrer vergessen, regelmäßig den Reifenluftdruck zu überprüfen. Reifen mit zuwenig Luftdruck können den Benzinverbrauch um 10 Prozent in die Höhe treiben. Es gäbe noch viele weitere Beispiele, wie wir konkret und sofort erheblich Energie sparen können, etwa, indem in jedem leeren Büro das Licht ausgeschaltet würde. Wichtig ist die generelle Aussage: Energiesparen bedeutet keinen Verzicht auf Lebensqualität oder Wirtschaftswachstum! Das Gegenteil ist richtig.
F: Dennoch ist Energiesparen nicht sehr populär.
A: Stimmt. Hier haben die Regierungen noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Das ist keine einfache Aufgabe, denn viele Menschen unterschätzen generell die Bedeutung von Energie und sind nicht bereit, die Folgen zu tragen.
F: Woran denken Sie?
A: Wer Energie verbrauchen will, muß auch den Bau von Kraftwerken und Stromleitungen akzeptieren - und sei es in seiner Nachbarschaft. Meine französischen Landsleute beispielsweise hegen eine große Abneigung gegenüber Hochspannungsleitungen. Aber man kommt ohne sie nicht aus.
F: In Deutschland stößt die Bindung der Gaspreise an die Ölpreise auf Kritik. Existiert überhaupt ein Grund für diese Bindung?
A: Nicht mehr. Früher machte diese Bindung Sinn, weil Öl und Gas Austauschprodukte für Stromerzeugung und Heizung waren. Das ist aber weitgehend vorbei. Gas wird heute überwiegend für die Stromerzeugung verwendet, Öl dagegen so gut wie nicht mehr.
F: Bleibt der Ölpreis hoch?
A: Ich hoffe, nein. Aber ich erlaube mir keine Prognose, denn die geopolitische Entwicklung ist nicht vorhersehbar. Und die Geopolitik beeinflußt den Ölpreis.
F: Und aus wirtschaftlicher Sicht?
A: Aus wirtschaftlicher Sicht müßte Öl in den kommenden Monaten billiger werden, denn die Lager sind gut gefüllt. Es ist zwar richtig, daß die Kapazitäten in der Förderung wie in der Verarbeitung ausgelastet sind. Aber die Konzerne beginnen, in neue Kapazitäten zu investieren. Außerdem würde mehr Energiesparen zum Druck auf die Preise beitragen. Wir müssen lernen, weniger zu konsumieren.
F: Die Furcht nimmt zu, als Folge des hohen Ölverbrauchs würden die Reserven bald zur Neige gehen. Ist das wahr?
A: Nein. Es gibt zwar Länder, in denen die Vorräte zu einem guten Teil ausgebeutet wurden. Aber die Reserven im Mittleren Osten sind gewaltig und in Rußland hat man noch gar nicht begonnen, systematisch nach Ölquellen zu suchen. Außerdem werden riesige Ölvorkommen unter der Tiefsee vermutet, die noch nicht angebohrt wurden, weil die Technologie bisher nicht vorhanden ist. Insgesamt sind die Reserven sagenhaft groß.
F: Das klingt beruhigend.
A: Nicht unbedingt. Ich glaube wirklich nicht, daß mangelnde Verfügbarkeit ein Problem beim Öl darstellt. Das sehr viel aktuellere Problem sind die durch den Verbrauch von Ölprodukten bedingten ökologischen Belastungen und der Klimawandel.
F: Wir fürchten noch ein weiteres Problem: Sie erwähnten den Mittleren Osten und Rußland als wichtige Lieferanten. Das sind Regionen mit eher fragwürdigen politischen Regimes.
A: Es besteht das Risiko, daß wir als Verbraucher von einer immer kleineren Zahl von Produzenten abhängig werden. Und es wäre illusorisch zu glauben, die Industrieländer könnten sich mit Öl eindecken, ohne im Mittleren Osten einzukaufen. In Rußland sollte der Westen bei mehreren Gaskonzernen einkaufen dürfen und nicht nur bei der Gasprom. Da stellt sich schon die Frage nach der Sicherheit der Versorgung. Das ist noch ein weiterer Grund, um Energie zu sparen und um nach Alternativenergien Ausschau zu halten.
F: Zum Beispiel erneuerbare Energien?
A: Die erneuerbaren Energien spielen eine wichtige Rolle, aber ihr Einsatz alleine wird die ökologischen Probleme des Energieverbrauchs keinesfalls beseitigen. Außerdem sind ihre Kosten noch zu hoch. Die erneuerbaren Energien werden ein Teil der Problemlösung sein, ebenso wie die Kernenergie. Aber wir werden auch weiterhin erhebliche Mengen an fossiler Energie verbrauchen, neben Öl und Gas übrigens auch Kohle.
F: Was sich besonders in China beobachten läßt.
A: Die Chinesen verwenden veraltete Kraftwerke. Würden sie ab sofort nur noch ähnlich leistungsfähige Kraftwerke bauen wie der Westen, könnten sie ihre Energieproduktion um ein Drittel steigern, ohne die Umwelt zusätzlich zu belasten. Man wird den Chinesen bei der Finanzierung moderner Kraftwerke helfen müssen.
F: Haben Sie einmal versucht, die ökonomischen Kosten eines Klimawandels zu schätzen?
A: Nein. Das wäre auch kaum möglich, weil wir nicht wissen, wie sich das Klima konkret verändern wird.
F: Aber ist die Vermutung erlaubt, daß der Klimawandel das Wirtschaftswachstum dämpfen könnte?
A: Das ist nicht auszuschließen. Insofern wäre es wichtig, Energie deutlich billiger zu produzieren. Das wäre gut für das Wachstum, aber dafür werden wir unter anderem neue Energien brauchen.
F: Woran denken Sie?
A: Nun, die Windenergie ist heute nahezu wettbewerbsfähig - vielleicht ist sie sogar schon wettbewerbsfähig, wenn man in fossile Energien die Umweltkosten einrechnet. Biokraftstoffe wie Ethanol und Biodiesel besitzen ein großes Potential. In der Photovoltaik fehlt dagegen noch der große technische Durchbruch.
F: Die Windkraft ist in Deutschland zwar verbreitet, aber auch nicht unumstritten.
A: In vielen Ländern werden Betreibern von Windenergie Preise garantiert, die deutlich über dem Marktpreis für Strom liegen. Das halte ich für fragwürdig.
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