"Das ist für eine führende Industrienation zu wenig"

Interview mit Andreas Schleicher, OECD-Direktorat Bildung
Financial Times Deutschland (Astrid Maier), 12.09.2006

Frage:Welches ist das wichtigste Ergebnis Ihrer Studie für Deutschland?

Antwort: Die Nachfrage nach Spitzenfachkräften steigt international schneller als das Angebot. Wir haben gesehen, dass in Deutschland die Gehälter von Spitzenfachkräften so schnell wachsen wie in kaum einem anderen Land. Zugleich wird hier aber zu wenig in die Hochschulbildung investiert. Im OECD-Mittel sind zwischen 1998 und 2004 die Ausgaben für den Hochschulbereich um 46 Prozent gestiegen, in Deutschland nur um 14 Prozent.

F: Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die deutsche Wirtschaft?

A: Der Kampf um Spitzenkräfte wird immer heftiger werden. Wenn nichts passiert, dann werden 2014 nur noch 3,6 Prozent der internationalen Spitzenkräfte aus Deutschland kommen. Das ist deutlich zu wenig, damit Deutschland seine Position als führende Industrienation behaupten kann.

F: Könnten mehr ausländische Spitzenkräfte das Problem in Zukunft beheben?

A: Das wäre sicherlich ein Weg, mehr internationale Spitzenkräfte ins Land zu holen. Aber auch diese Rechnung wird letzlich nicht aufgehen. Denn dies wird in Zukunft noch schwerer werden, als es heute bereits ist. Die wirklich gut ausgebildeten Leute aus China oder Indien machen lieber in ihren Heimatländern Karriere.

F: Ist China eine Herausforderung für uns auch im Wettlauf um Spitzenkräfte?

A: Immer mehr Regulierungen wie der Numerus Clausus laufen letztlich ins Leere, auch die Idee, Abgaben von Firmen zu verlangen, die nicht ausbilden. So werden nur noch mehr Menschen ausgebildet, die man danach in die Arbeitslosigkeit entlässt. Wichtig wären grundlegende, strategische Reformen, die mehr Flexibilität und größere Anreize sowohl für Lernende als auch für Bildungsanbieter schaffen.

F: Warum ist dies noch nicht geschehen?

A: Es reicht einfach nicht mehr, ein Bildungssystem, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde, weiter zu optimieren. Mann muss auf die grundlegend veränderten Anforderungen der Wissensgesellschaft neue Antworten finden. Dazu haben viele Länder seit den 80er Jahren ihre Bildungssysteme quantitativ und qualitativ aus- und umgebaut und fahren damit hohe Renditen ein, sowohl für den Einzelnen als auch für die Wirtschaft und die Gesellschaft. In anderen Ländern wie Großbritannien werden spannendere Diskussionen geführt, dort wägt die Politik echte Alternativen ab, dort werden völlig neue Strategien angepackt. Zudem graben die Schulen den Hochschulen in Deutschland das Wasser ab. Durch die frühe Selektion und dadurch, dass das Abitur mit die einzige Zugangsberechtigung zu einem Studium ist, gelangen viele Schüler erst gar nicht an die Schwelle zum Studium. Das Schulsystem muss stärker in die Verantwortung genommen werden.

F: Warum tut sich Deutschland so schwer dabei?

A: Die Fragmentierung des Bildungssystems ist zu groß. Wir haben 16 Bundesländer, und jedes Bundesland bildet seine Lehrer unterschiedlich aus. Da ist es sehr viel schwieriger, ein kohärenteres Bildungssystem aufzubauen. Bei Bildungsreformen in Deutschland muss ich an ein Futtersilo denken: Oben wird immer mehr reingestopft, aber unten weiß niemand, was dabei rauskommt.

F: Reagiert die Politik angemessen auf den Akademikermangel?

A: Die Herausforderungen sind wesentlich größer, als sie von den Politikern dargestellt werden. Es ist aber natürlich noch nicht alles verloren. Andere europäische Länder zeigen, was möglich ist: Spanien oder Finnland, die in den 70ern noch unterdurchschnittlich abgeschnitten haben, haben sich an die Spitze herangearbeitet. Es bedarf aber eines kompletten Strategiewechsels.

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