"Die Horrorszenarien explodierender Preise sind überzogen"

Interview mit Stefan Tangermann, OECD Direktor für Handel und Landwirtschaft
Frankfurter Allgemeine Zeitung (Helmut Bünder), 3. August 2007


 

Frage: Geht die Zeit billiger Lebensmittel in Deutschland zu Ende?

Antwort: In China, Indien oder Brasilien steigen die Einkommen und deshalb die Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln wie Molkereiprodukten und Fleisch. Die Produktion kann damit nur Schritt halten, wenn die Preise steigen. Auch die wachsende Flächenkonkurrenz zwischen Pflanzen für die Energieerzeugung einerseits und die Lebensmittel- und Futterproduktion andererseits trägt zum Preisauftrieb bei. Zudem werden sich die Verbraucher in Europa an stärkere Preisschwankungen gewöhnen müssen, weil unsere Märkte jetzt stärker an die Weltmärkte angebunden sind.

F: War der Milchpreisschock also nur ein Vorbote für allgemeine Teuerungen?

A: Milchprodukte bilden in gewisser Weise einen Sonderfall. Bei kaum einem anderen Lebensmittel reagiert die Nachfrage so stark auf höhere Einkommen. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Expansion internationaler Handelsketten, die in den aufstrebenden Staaten Asiens und Lateinamerikas an den Markt gehen. Auch neue Verfahren zur Herstellung von Milchprodukten aus einfach zu transportierendem Milchpulver treiben die Entwicklung. Die Handelbarkeit ist dadurch angestiegen.

F: Winken den deutschen Milchbauern nun dauerhaft goldene Zeiten?

A: Nicht alle Blütenträume werden sich erfüllen. Der aktuelle Höhenflug der Milchpreise ist mindestens zum Teil ein Ausreißer. Ohne die Dürre in Australien wären die Notierungen nicht so in die Höhe gegangen. Außerdem bauen auch die Schwellenländer in Asien und Lateinamerika ihre eigene Milchproduktion in großen Schritten aus.

F: Was bedeutet die Entwicklung für die europäische Agrarpolitik - kann das Quotensystem weg?

A: Im nächsten Schritt sollte die Agrarpolitik so schnell wie möglich die Produktionsbegrenzungen aufheben. Für die Bauern wäre dies von Vorteil: In der aktuellen Marktlage könnten sie zusätzliche Mengen verkaufen, ohne einen Preiseinbruch befürchten zu müssen. Unter dem Strich würden die Milchbauern ohne das Quotensystem besser dastehen. Die richtige Strategie wäre es, die Quoten schrittweise aufzustocken und gleichzeitig einen europaweiten Handel mit Produktionsrechten zuzulassen. Auf diese Weise würden die Mengenbeschränkungen allmählich ihre Wirkung verlieren und ein gleitender Ausstieg ermöglicht.

F: Noch immer kostet die EU-Agrarpolitik rund 40 Milliarden Euro im Jahr, vor allem für direkte Einkommenshilfen. Haben sich diese Zahlungen durch die höheren Marktpreise erledigt?

A: Richtig ist, dass Direktzahlungen, denen keine gezielte Gegenleistung zum Beispiel für den Umweltschutz gegenübersteht, mit zunehmender zeitlicher Entfernung von den Preissenkungen der Vergangenheit allmählich reduziert werden können. Irgendwann sollten sie ganz auslaufen - zugunsten gezielter Zahlungen für Leistungen, die Landwirte für die Gesellschaft erbringen.

F: Den Verbrauchern ist schwer zu vermitteln, dass sie jahrelang doppelt zahlen sollen: für höhere Preise und als Steuerzahler für Subventionen?

A: Man sollte nicht den Fehler begehen, agrarpolitische Weichenstellungen mit dem Geschehen am Markt zu vermischen. Die Logik der Direktzahlungen entstammt den Reformen der Vergangenheit. Wer jetzt eine beschleunigte Senkung wegen der höheren Marktpreise fordert, müsste die Subventionen konsequenterweise auch wieder anheben, sollten die Marktpreise wieder sinken. Das wäre keine kluge Strategie.

F: Der Deutsche Bauernverband hofft nun auch auf höhere Preise für Fleisch...

A: Mit einer Preisexplosion, wie sie die deutschen Verbraucher in diesen Tagen bei Butter erlebt haben, ist beim Fleisch nicht zu rechnen. Horrorszenarien sind überzogen. Die mittelfristigen Projektionen der OECD deuten eher auf eine Stabilisierung auf dem heutigen Niveau oder allenfalls leichte Preissteigerungen hin. Die Entwicklung hängt auch davon ab, in welchem Maße die Regierungen der Industriestaaten die Förderung von Bioenergie ausbauen. Sie haben es selbst in der Hand, ob die Verbraucher an der Ladentheke dafür die Zeche bezahlen.

F: Früher standen die Bauern wegen ihrer Subventionen am Pranger, jetzt wegen angeblicher Preistreiberei. Bleiben die Landwirte die Prügelknaben?

A: Trotz mancher medialer Übertreibungen in der Hitze des Sommerlochs ist die Entwicklung für die Landwirtschaft sehr positiv. Es wird deutlich, dass die Bauern keineswegs die ewigen Kostgänger sind, die nur am Tropf des Staates ihr Einkommen erzielen können. Landwirtschaft produziert für den Markt und verdient ihr Geld auf dem Markt. Wenn sich diese Einsicht durchsetzt, kann dies dem Ansehen und dem Selbstbewusstsein der Bauern nur dienlich sein. Der Aufschrei über vermeintlich zu hohe Preise ist insofern ein Zeichen der Normalisierung.

F: Erleichtert der Höhenflug der Agrarmärkte einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen in der Welthandelsorganisation?

A: Die EU könnte bei den Gesprächen über die Senkung der Agrarzölle am Verhandlungstisch etwas großzügiger sein. Zollsenkungen fallen leichter, wenn die Preise am Weltmarkt steigen. Aber paradoxerweise erleben wir, dass der Boom die Verhandlungen sogar erschwert. Denn viele Schwellenländer leiten daraus die Forderung ab, dass die Vereinigten Staaten ihre inländischen Subventionen für die Farmer deutlich verringern müssten. Andererseits sperren sich mehrere asiatische und lateinamerikanische Staaten weiterhin gegen eine Senkung ihrer Industriezölle, welche die EU und die Vereinigten Staaten als Gegenleistung für niedrigere Agrarzölle und Subventionen erwarten.

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