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Interview mit Barbara Ischinger, OECD-Direktorin für Bildung
FORUM E (Mira Futász), 6. Mai 2008
Frage: „Das deutsche Bildungswesen verliert im internationalen Vergleich an Boden“ warnten Sie mehrfach. An welchen Kriterien machen Sie das fest und worin sehen Sie die Ursachen?
Antwort: Wir haben gemeinsam mit den 30 Mitgliedstaaten der OECD den Deutschlandbericht verfasst und darin ist ein Kapitel über Bildungspolitik enthalten, das in einer engen Kooperation zwischen dem Bildungsdirektorat und der federführenden Wirtschaftsabteilung zustande gekommen ist. Dieses Kapitel spannt den Bogen von der Notwendigkeit eines qualitativ hochwertigen Angebots im Vorschulalter bis zu den Hochschulen. Gerade für den universitären Bereich (tertiärer Bereich A) stellt sich die kritische Frage wie Deutschland eine international führende Position wieder erlangen kann. Deutschland war wie die USA vor Jahren führend, geriet aber im Wettbewerb mit anderen OECD-Staaten ins Hintertreffen. Deutschland steht vor dem Problem, wie der Zugang junger Menschen zur Hochschulbildung attraktiver gemacht werden kann. Gelingt dies nicht, kann das Deutschlands Politik im Rahmen des Innovationsanschubs sehr erschweren. Der Bereich der Berufsbildung (duales System der Berufsausbildung) hingegen ist stark entwickelt. Da wissen die Jugendlichen auch, dass die Chancen zum Einstieg ins berufliche Leben groß sind. Für den universitären Bereich scheint es in Deutschland dagegen nicht diese Anreize für die Jugendlichen zu geben. Deshalb haben wir in unserem Bericht Deutschland empfohlen, die Anreize für den Einstieg der Jugendlichen in die universitäre Bildung zu verbessern.
F: In Ihren Verantwortungsbereich fallen die PISA-Studien. Welchen Begriff von Bildung transportiert die OECD?
A: Der Bildungsbegriff ist für uns im Bildungsdirektorat ein sehr komplexer. Wichtigste Herausforderung für Bildung ist, Menschen darauf vorzubereiten, aktiv und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzuhaben und sie mitzugestalten, und dabei unterschiedliche Forum E im Gespräch mit Prof. Dr. Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der OECD, aus Anlass der Vorstellung des OECD-Wirtschaftsberichts Deutschland 2008 „Die OECD sagt: Ihr müsst die Ausgangschancen verbessern“ Dimensionen des Handelns – kognitive, moralische und soziale – in ihrer eigenen Bedeutung zu sehen und zu nutzen. Dazu gehört natürlich zuallererst die Beherrschung der Kulturtechniken, die uns sinnvolle Interaktion mit der Umwelt, den kreativen Umgang mit Wissen und die Fähigkeit mit Veränderung und Transformation aktiv umzugehen, eröffnen – die Fähigkeit zu analysieren, vergleichen, und bewerten; der Umgang mit Sprache und Symbolen und so weiter. Dazu gehört aber noch wesentlich mehr, wie z. B. persönliche Handlungsfähigkeit; Kompetenzen, die uns eigenständiges, verantwortungsbewusstes Handeln ermöglichen, die aktive Teilnahme und Mitgestaltung in verschiedenen Lebensbereichen, Vertrautheit mit dem sozialen Umfeld; Kompetenzen, mit denen wir unsere eigenen Pläne und Projekte in größere Zusammenhänge stellen können, Rechte, Interessen, Grenzen und Bedürfnisse erkennen und verantwortlich wahrzunehmen. Und schließlich wird es immer wichtiger, dass Menschen in der Lage sind, gute, tragfähige Beziehungen aufzubauen, zu kooperieren, in Gruppen zu arbeiten, mit Konflikten umzugehen und sie zu lösen, sich in multikulturellen/pluralistischen Gesellschaften konstruktiv einzubringen. Die Relevanz der Bildung ergibt sich damit für verschiedene Dimensionen: erstens das Individuum, das große Vorteile durch Bildung für seine Lebensqualität, seine Gesundheit, sein Berufsleben erfährt; zweitens der soziale Zusammenhalt, denn ein gutes Bildungssystem fördert die Integration der Lernenden sowohl mit schwächerem sozio-ökonomischem Hintergrund als auch mit Migrationshintergrund; drittens die wirtschaftliche Komponente, weil ein funktionierendes Bildungssystem bedeutet ein gesundes Wachstum, weniger Arbeitslosigkeit, den Schub im Innovationsbereich. Deutschland hat beispielsweise erst vor wenigen Jahren den Bereich Immigranten bewusst aufgenommen, auch in die Bildungspolitik, und insofern sind ganz neue Komponenten in die Diskussion hineingekommen. Die OECD-Mitgliedstaaten können da sehr viel Erfahrung einbringen. Wenn der OECD-Bildungsausschuss Ende April tagt, wird er uns gewiss für 2009/2010 den Auftrag geben, uns noch intensiver mit den Fragen der sozialen Mobilität und der Integration und Förderung von Migrantenkindern zu befassen.
F: In Deutschland gibt es Befürchtungen, dass die OECD den Bildungsbegriff zu sehr verwirtschaftlicht.
A: Nein, die OECD verwirtschaftlicht den Bildungsbegriff nicht. Die OECD hebt jedoch hervor, wie Bildung denen, die gut gebildet sind, nie zuvor gekannte Chancen eröffnet, während diejenigen, die am Übergang in die Wissensgesellschaft scheitern, vor immer größeren Risiken stehen, und das gilt sowohl für Personen wie für Staaten. Das Wirtschaftsdirektorat hat in den letzten Jahren zunehmend in den Wirtschaftsbericht auch ein Bildungskapitel hineingenommen, weil erkannt worden ist, welche Effekte ein funktionierendes oder nicht funktionierendes Bildungssystem für die nationale und auch regionale Entwicklung haben kann.
F: Gibt es in anderen Ländern vergleichbare Auseinandersetzungen über PISA-Ergebnisse wie jüngst wieder bei PISA 2006 in Deutschland?
A: Es gibt viele Länder, in denen PISA eine neue Dynamik in den bildungspolitischen Diskurs gebracht hat, nehmen Sie Deutschland oder Spanien in Europa, Kanada und Mexiko in Nordamerika, oder Japan und Korea in Asien. Ich finde es erfreulich, dass Deutschland die PISA-Ergebnisse, die so nicht erwartet wurden, mit so viel Ernst studiert und dass man sich von Seiten der Politik, der Lehrer und der Eltern kritisch damit auseinandersetzt. Die OECD und das Bildungsdirektorat begrüßt dies nicht nur, wir stehen für Dialoge und für Empfehlungen, die wir von andren Mitgliedstaaten mitnehmen, immer zur Verfügung.
F: Nennen Sie bitte die wichtigsten bildungspolitischen Knackpunkte in Deutschland, die aus Sicht der OECD gelöst werden müssen – oder sollten.
A: Ich möchte zunächst eines klarstellen. Dieser Wirtschaftsbericht, auf den ich mich jetzt beziehe, wird gemeinsam von den Vertretern aller OECD-Mitgliedstaaten abgesegnet. Der Bericht entsteht im Peer-Review-Verfahren im sehr engen Kontakt zu Deutschland und die Empfehlungen basieren auf den Erfahrungen der Mitgliedstaaten. Deutschland wird empfohlen, den Zugang junger Menschen zu den Hochschulen attraktiver zu machen. Auch wurde nahegelegt, die frühe Teilung in Bildungskarrieren mit unterschiedlichen Anforderungen zu überdenken. Die internationalen Erfahrungen zeigen, dass im Blick auf die Migration und den sozioökonomischen Hintergrund eine spätere Teilung vorteilhafter ist. In diesem Zusammenhang wird von den Mitgliedstaaten empfohlen, das Führen von Haupt- und Realschule unter einem Dach sowie ein längeres gemeinsames Lernen in der Grundschule zu prüfen. Hingewiesen wird auch auf die guten internationalen Erfahrungen, Schulen zu mehr Autonomie zu führen, schulischen Führungskräften mehr Verantwortung zukommen zu lassen, auch im Hinblick auf das Budget, so dass Anreize für bessere Lernerfolge geschaffen werden können, dass es finanzielle Anreize für Lehrer gibt, ihren Unterricht mit besseren Lernergebnissen zu gestalten.
F: Deutschland ist hoffentlich nicht nur ein Problemfall!
A: Nein, sicherlich nicht. Der OECD-Generalsekretär hat bei der Vorstellung des Berichts darauf hingewiesen, dass Deutschland mit den PISA-Ergebnissen in den Naturwissenschaften oberhalb des Durchschnitts und in den Leseergebnissen und Mathematik im Durchschnitt liegt. Aber wir haben das mit der Empfehlung verknüpft, zu prüfen, ob Deutschland nicht noch besser werden kann. Deutschland ist nicht das große Problemland, aber es fällt auf, dass sich sowohl der Migrationshintergrund als auch der sozioökonomische Hintergrund in der Varianz besonders stark niederschlagen. Genau dieses Problem versucht Deutschland mit seiner Reformpolitik anzugehen.
F: Welches Ziel hat die TALIS-Studie, an der sich Deutschland nicht beteiligt?
A: Es hat eine Vorläuferstudie über „Teachers matter“ gegeben, die 2005 abgeschlossen wurde. Die OECD-Mitgliedstaaten kamen damals zu dem Schluss, dass in der Studie nicht wirklich die Lehrer selbst befragt wurden, sondern mehr die Systeme untersucht wurden und eine Datenanalyse ohne mit dem Blick auf die Lehrer selbst stattfand. Das wird nun in TALIS (Teaching and Learning International Survey ) nachgeholt. Die Lehrer selbst werden interviewt. Ziel ist, nach einer ersten Runde Empfehlungen in Richtung einer Verbesserung des Lehrerberufes und seines Status zu formulieren. Es geht um ein Berufsbild, das den Lehrern ermöglicht, sich in einer Schulform mit mehr Autonomie bewähren zu können. Diese Studie ist noch in vollem Gange, so dass Zwischenergebnisse noch nicht vorliegen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir TALIS noch in einem zweiten Durchgang laufen lassen. Voraussichtlich 2009. So wäre es möglich, dass sich Deutschland doch noch zu einer Teilnahme entschließen könnte. Derzeit denken andere Mitgliedstaaten über eine Teilnahme nach, die in der ersten Runde nicht dabei waren.
F: Im Bildungsdirektorat wurde auch eine Schulleiter-Studie konzipiert. Auch daran beteiligt sich Deutschland offenbar nicht.
A: Diese Leadership-Studie basiert auf der Befragung von Schulleitern. Noch im April stellen wir vorläufige Ergebnisse vor und im Herbst soll die Studie abgeschlossen werden. In vielen Mitgliedstaaten steht eine große Pensionierungswelle bevor. Deshalb wandten sich nationale Bildungspolitiker ratsuchend an den Bildungsausschuss der OECD. Anlass für die Studie gab die Frage: Welches Profil brauchen wir für einen belastbaren und zukunftsorientierten Schulleiter? Muss das ein Managertyp sein? Wie viel externe Erfahrung muss er mitbringen? Muss er ein Teamspieler sein? Wie soll man die Verantwortung in der Schule aufteilen? Diesen Fragen ging die Studie nach. Beispielhaft wird eine Schulleiterakademie in Österreich vorgestellt, die flächendeckend den Schulleitern eine Zusatzausbildung zukommen lässt. Die Frage steht in vielen Ländern, wie man überhaupt Interessenten für Schulleiter findet. In Australien zum Beispiel gehen in drei, vier Jahren 70 Prozent der Schulleiter in Pension, davon viele in Frühpension. Das sind alarmierende Zahlen. Mit der Studie werden wir positive Erfahrungen weltweit verbreiten. Das ist vielleicht auch für Deutschland interessant.
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