"Universitäten brauchen mehr Geld"

Interview mit Andreas Schleicher, OECD-Direktorat Bildung
Frankfurter Rundschau (Yvonne Globert), 13.09.2006


Frage: Herr Schleicher, wie kommen Sie zu der Einschätzung, uns gingen die Spitzenkräfte aus?

Antwort: Das durchschnittliche Einkommen von Absolventen in Deutschland ist seit 1998 um 20 Prozentpunkte gestiegen. Heute verdient ein Akademiker 53 Prozent mehr als jemand, der eine Berufsausbildung abgeschlossen hat. Das zeigt sehr deutlich, dass die Nachfrage nach Spitzenqualifikation sehr viel stärker steigt als das Angebot. Früher war die Universität ein Bereich, der nur einen kleinen Teil von Akademikern ausgebildet hat. Heute ist die Hochschule das, was vor Generationen die Schule war.

F: Sind bestimmte Branchen härter betroffen?

A: Man muss davon ausgehen, dass jeder, der heute in einen Beruf kommt, diesen in seinem Leben drei bis vier mal wechseln wird. Daher ist von der Ausbildung zuallererst gefordert, auf diesen Umstand zu reagieren - nicht mit einer Spezialausbildung, sondern einer guten Grundlage, die auch dazu motiviert, den eigenen Horizont auszubauen. Es wäre der falsche Weg zu sagen, wo genau im Augenblick wie viele Ingenieure oder Facharbeiter fehlen. Denn das Problem reicht ja weiter.

F: Wo sehen Sie für Deutschland die große Konkurrenz?

A: Wir haben in dieser Publikation auch das Szenario dargestellt, was passiert, wenn nichts passiert. In diesem Fall wird der Anteil von Spitzenkräften, der aus Deutschland kommt, im OECD-Gesamtgebiet bis 2014 auf 3,6 Prozent schrumpfen. Das wäre dann die Konsequenz aus dem, was andere Länder tun. Viele haben ihr Hochschulsystem ganz dynamisch aus- und umgebaut, im Durchschnitt sind in den OECD-Staaten seit 1998 die Investitionen in den Tertiärbereich um 46 Prozent gestiegen. Das ist die Richtung, die international vorgegeben wird.

F: Aber es wird doch investiert: Das Bundesbildungsministerium buttert kräftig in die Forschung und Sie haben beobachtet, dass Deutschland bei der Ausbildung von Doktoranden einen Spitzenplatz belegt.

A: Der Forschungsanteil in Deutschland ist schon jetzt höher als im OECD-Vergleich. Wenn man diese Aufwendungen dafür aber abzieht, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Ausgaben pro Studierendem in Deutschland unterdurchschnittlich sind. Deutschland hat ein großes Gewicht auf Forschung gelegt, das ist ja auch nichts Falsches. Ich glaube aber, der Bildungsauftrag muss stärker berücksichtigt werden. Universitäten sind heute keine Einrichtungen mehr, welche allein Akademiker ausbilden, die nach einer Laufbahn an den Hochschulen streben. Sie müssen eine viel breitere Klientel bedienen. Nehmen wir die USA: Die geben pro Student mehr für die Forschung aus und zugleich das Doppelte für den Bildungsbereich.

F: Sie sagen, die Hochschulen müssen flexibler werden. Was heißt das konkret?

A: Konkret kann man das an einigen Merkmalen festmachen, die heute die starken Hochschulsysteme im internationalen Vergleich auszeichnen. So etwa durch ein vielfältigeres Angebot für die Studierenden. Es ist wichtig, sie im Zweifelsfall nicht ohne einen Abschluss in die Wüste zu schicken. Deutschland hat ja bei den Langzeitstudiengängen die höchsten Abbrecherquoten. Vor diesem Hintergrund müssen Angebote flexibilisiert werden. Das gilt auch für den Zugang zum Studium. Gleichzeitig muss man sich überlegen, wie man Anreizsysteme schaffen und Managementkompetenzen stärken kann, damit Hochschulen eigenverantwortlich auf Anforderungen eingehen können. Schließlich ist entscheidend, Rahmenkonzepte für Qualifikationen zu stärken. In Australien etwa, Kanada, Finnland oder Schweden ist die erste Frage nicht, auf welche Hochschule Sie gegangen sind, sondern nach der Qualifikation, die Sie erreicht haben. Dort können Sie eine beruflichen Weg auf verschiedene Weise gehen.

F: Mit dem Alter wächst bei Menschen mit Berufsausbildung das Risiko, arbeitslos zu werden. Hat das Duale System ausgedient?

A: Nein, aber es ist ein Erfolgsmodell für eine immer kleiner werdende Klientel. Die Frage ist heute, wie man das Duale System heute nicht mehr isoliert betrachtet, sondern in das gesamte Bildungssystem einbettet. Ich halte dabei überhaupt nichts davon, Unternehmen mit Abgaben zu zwingen, mehr Leute auszubilden. So bildet man nur für die Arbeitslosigkeit aus.

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