"Europa ist sehr dynamisch"

Interview mit Angel Gurría, OECD-Generalsekretär
Die Welt am Sonntag (Ulrich Machold), 26.02.2006


Frage: Herr Gurría, Sie gelten als sehr liberal. Das ist in Frankreich nicht in Mode. Glauben Sie, es wird Ihnen in Paris gefallen?

Antwort: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Unsere Organisation sollte darauf bedacht sein, daß es allen OECD-Mitgliedern besser geht. Auch Frankreich.

F: Ist das nötig? Sie treten Ihr Amt zu einer Zeit an, in der es der Weltwirtschaft so gut geht wie lange nicht mehr. Asien, Südamerika, die USA, überall scheint es zu laufen.

A: Wir haben im Moment auf jeden Fall eine Zeit der relativen Stabilität. Aber das Wachstum wird langsamer. 2004 war das beste Jahr seit vielleicht 30 Jahren. 2005 war es aber schon geringer. Und 2006 wird es wohl noch geringer werden. Europa ist noch am wackligsten. Einige Länder sehen sehr gut aus, andere weniger.

F: Sogar in Europa scheint es im ganzen aber aufwärtszugehen.

A: Die Stimmung ist besser! Das ist wichtig. Mit besserer Stimmung fängt es an. Auch in Ihrem Land. Sie haben so lange gebraucht, um eine politische Führung zu finden, daß die Menschen jetzt denken, daß es ihnen morgen sicher besser gehen wird als heute.

F: Reicht so etwas denn für einen echten Aufschwung?

A: Die Daten sehen nun einmal besser aus als in der Vergangenheit. Und jeden Tag werden sie noch etwas besser. Warum nicht anerkennen, daß die Stimmung der Verbraucher besser ist, und daß dies auch die Stimmung der Geschäftsleute verbessert? Und wenn es Deutschland gutgeht, geht es ganz Europa besser, schon allein auf Grund Ihres wirtschaftlichen Gewichts. Spanien, das sehr schnell wächst, kann nicht die Lokomotive für Europa spielen. Deutschland schon.

F: Obwohl es keine der nicht zuletzt von der OECD empfohlenen Strukturreformen wirklich umgesetzt hat? Im Moment scheint die deutsche Regierung eher sparen und Steuern erhöhen zu wollen.

A: Das Defizit zu senken ist eigentlich nie eine schlechte Idee. Aber ich glaube, daß der wichtigste Faktor Ihre neue Regierung ist. Die Wahrscheinlichkeit, daß Reformen wirklich stattfinden, hängt bei Ihnen hauptsächlich von der Einigkeit der beiden großen Parteien ab. Sobald die sich verstehen, ist der Rest eigentlich Formsache. Die Deutschen sind optimistischer, weil sie darauf hoffen, daß die beiden großen Parteien tun können, was getan werden muß. Auch die Märkte achten auf solche Dinge. Und im Moment scheinen sie der Meinung zu sein, daß dieser Faktor Deutschland lange gefehlt hat und jetzt da ist.

F: Nicht nur in Deutschland sind die Gewinne der Unternehmen auf Rekordhöhen angelangt, aber die Arbeitslosigkeit nimmt nicht ab. Erwartet uns ein Wirtschaftsaufschwung ohne Jobs?

A: So wurde der Aufschwung der US-Wirtschaft vor einigen Jahren auch beschrieben. Jetzt gibt es dort jeden Monat ein paar tausend Arbeitsplätze mehr. Das hängt von der Art des Wachstums ab, welche Wirtschaftszweige tatsächlich wachsen. Daß es zu wenige neue Arbeitsplätze in Europa gibt, ist kein Naturgesetz. Aber wir müssen akzeptieren, daß die immer weiter steigende Produktivität in den Industrieländern den Job-Effekt des Wirtschaftswachstums schwächt. Beides zu erreichen hängt sehr davon ab, ob die Volkswirtschaft flexibel genug ist, um neue Wirtschaftszweige zu erschließen und neue Technologien schnell in Produkte umzusetzen.

F: Was heißt das? Ist ein Aufschwung am Arbeitsmarkt nur eine Frage der Zeit, noch schnelleren Wachstums? Oder muß mehr geschehen?

A: Die Hauptfrage ist, ob der Aufschwung demnächst selbsttragend wird. Europa wächst eben immer noch langsamer als andere Regionen. Und, wie gesagt, die Art des Wachstums ist wichtig. Alles in allem kommt die Weltwirtschaft sehr zufriedenstellend voran. Aber im Detail läuft sie ungleichmäßig. Es ist schwer einzuschätzen, welche Auswirkungen dies auf einzelne europäische Länder haben wird, wie sich das Wachstum zum Beispiel in Asien auf immer komplexere Weise mit dem Rest der Welt vermischt.

F: Tut Europa denn genug? Die Europäische Zentralbank zum Beispiel erhöht erst einmal die Zinsen.

A: Nun ja, diese Strategie der EZB ist ihre Art, der Welt zu zeigen, daß sie Inflation nicht zulassen wird. Insofern ist das in Ordnung. Außerdem hat EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ja klargemacht, daß er nicht auf eine ganze Reihe von Zinserhöhungen zusteuert. Ich glaube nicht, daß die Politik der EZB den Aufschwung in Europa abwürgen wird.

F: Wie kann Europa denn in Zukunft gegen Konkurrenten wie China bestehen? Wo sehen Sie die Alte Welt in 20 Jahren?

A: Sie werden ganz sicher noch stärker zusammenarbeiten als heute. Und wenn Sie gemeinsam neue Technologien, bessere Managementmethoden und solche Dinge entwickeln, hat Europa natürlich auch in 20 Jahren noch seinen Platz in der Welt. Es hat mich sowieso immer verwundert, daß man Europa die "Alte Welt" nennt. Europa ist eine der jüngsten Regionen der Welt. In dem Sinn, daß es dabei ist, sich komplett neu zu erfinden. Es geschieht soviel, soviel verändert sich. Eigentlich ist Europa sehr dynamisch.

F: Ist das so? China bildet jedes Jahr mehr Ingenieure aus als die ganze EU. Wenn die Welt wirtschaftlich gesehen "flach" ist, also jeder gegen jeden antritt, welchen Vorteil hat Europa dann noch?

A: Den Vorteil, daß Europa all das schon hinter sich hat. China und andere bereiten sich darauf vor, daß wieder andere Länder irgendwann noch billiger werden als sie selbst. Europa hat das Problem schon länger und muß das nur weiter tun, sich darauf vorbereiten, daß andere technologisch aufholen. Die Globalisierung ist nun einmal auf Kurs.

F: Was ist momentan die größte Gefahr für diese globalisierte Weltwirtschaft? Sind es die Energiepreise, die auf unabsehbare Zeit hoch zu bleiben scheinen?

A: Ölpreise von 60 oder 70 Dollar pro Barrel sind sicher kein Grund zur Freude. Vor allem, weil diese Preise eben nicht auf Spekulation beruhen. Es gibt mehr Nachfrage als Angebot. Das ist alles echt. Über Nacht werden die Preise deshalb nicht fallen. Und jeder Dollar, den Öl mehr kostet, verlangsamt das Wachstum der Weltwirtschaft. Was Länder für Energie ausgeben, können sie für nichts anderes ausgeben.

F: Staaten wie die USA oder Schweden versuchen, sich weniger ölabhängig aufzustellen. Ist das realistisch?

A: Momentan sind Alternativen zu Öl und Gas als Brennstoffe langfristig nicht attraktiv. Aber ab einem bestimmten Preisniveau beim Öl werden sie attraktiv. Die große Wette ist dann, ob der Ölpreis so hoch bleibt, daß sich Alternativen rechnen. Bei den heute absehbaren Ölpreisen und der politischen Unsicherheit im Nahen Osten kann ich mir das schon vorstellen. Auch Nuklearenergie wird vielerorts übrigens als Alternative betrachtet, sogar in ökologisch sensiblen Ländern wie Finnland.

F: Fänden Sie es denn gut, wenn die OECD-Länder wieder mehr über Atomkraftwerke nachdächten?

A: Ja, natürlich. Die Technik ist fortschrittlicher geworden, die Kraftwerke sind sicherer, die Menschen fühlen sich bei dem Gedanken an die Kernkraft wohler als früher. Und auch Gruppen, die Atomstrom früher schon aus Prinzip grundsätzlich abgelehnt haben, tun das heute nicht mehr. Weil sie verstehen, daß er jetzt eine legitime Alternative ist.


 

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