"Mehr Akademiker für Deutschland?"

Artikel von Heino von Meyer, Leiter des OECD Berlin Centre
Forschung & Lehre, 06/2008

 

Der Taxifahrer mit Doktortitel, die Uni-Absolventin im Dauerpraktikum oder die Forscherin, die nur im Ausland eine Anstellung findet – Akademiker, die im Berufsleben hinter den Erwartungen zurückbleiben oder beim Berufseinstieg straucheln sind ein beliebter Topos in den Medien und auch im privaten Umfeld haben die meisten ein passendes Beispiel parat. Es sind diese Geschichten, die den Schluss nahelegen, ein Studium mag etwas sein für besonders Interessierte, ist aber ein Berufsweg mit großen Risiken. Wer einen sicheren Arbeitsplatz sucht, lässt lieber die Finger davon und macht eine praxisnahe Lehre.

Die Realität sieht freilich anders aus. Akademiker haben gegenüber Arbeitnehmern mit Abschluss im dualen System erhebliche Einkommensvorteile, die in den vergangenen Jahren noch gewachsen sind. Wer studiert hat, verdient heute im Schnitt 56 Prozent mehr als ein Facharbeiter, 2000 lag der Zuschlag nur bei 43 Prozent. Zudem sind Akademiker weit weniger von Arbeitslosigkeit betroffen. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch in anderen OECD-Ländern, in denen die Akademikerquote weit höher liegt.

Was sich in den Einkommens- und Arbeitslosenstatistiken ablesen lässt, wird durch die Klagen der Wirtschaft über Fachkräftemangel bestätigt. Hinzu kommt, wenn Unternehmen einfache Tätigkeiten auslagern, weil Lohnniveau oder Konkurrenz keine andere Entscheidung zulassen und nur die höherwertigen Tätigkeiten in Deutschland bleiben, dann muss auch der Anteil der höher Gebildeten wachsen. Zudem sind gut ausgebildete Erwerbstätige die Basis für hohe Produktivität, Innovation, Wachstum und höhere Einkommen für alle.

Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Wenn die Zahl der Erwerbstätigen schrumpft, dann muss bei den Jungen die Akademikerquote steigen, schon um die ausscheidenden Akademiker zu ersetzen. Bei einer Reihe von Berufen ist dieser Ersatz derzeit nicht gesichert. So kommen in Deutschland auf 100 Ingenieure in im Alter von 55-64 Jahr nur 90 Graduierte im Alter von 25–34 Jahre. In den 19 OECD-Ländern, für die entsprechende Daten vorliegen, kommen dagegen im Schnitt auf 100 ältere Ingenieure 190 Berufseinsteiger. Im Bildungsbereich liegt das Verhältnis in Deutschland sogar nur bei 100 zu 60. Über alle Fächer stehen in Deutschland 100 Akademiker im Alter von 55-64 Jahren heute 120 Jungakademiker (25-34 Jahre) gegenüber. Im OECD-Mittel liegt das Verhältnis bei 100 zu 230.

Das zeigt auch, dass es nicht allein damit getan ist, mehr junge Menschen (im Blick sind hier meist von allem Frauen) für ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium zu begeistern. Denn abgesehen von Korea ist unter den Akademikern der Anteil der Absolventen in naturwissenschaftlichen oder technischen Fächern nirgends so groß wie in Deutschland. Würden mehr Studierwillige in diese Fächer streben, würden sie anderswo fehlen. Der einzige Weg dem Mangel zu begegnen heißt schlicht: Mehr Akademiker.

Doch was muss geschehen? Es sind im Wesentlichen zwei Dinge: zum einen muss der Anteil der Studienabbrecher gesenkt werden. Gerade in Natur- und Ingenieurswissenschaften ist das ein großes Problem. Die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master scheint hier bereits positiv zu wirken. Zum andern müssen mehr junge Menschen ein Studium beginnen. Das bedeutet, wir brauchen mehr Abiturienten, aber auch eine stärkere Öffnung der Universitäten und größere Durchlässigkeit zwischen den Bildungswegen. Es darf nicht länger im Alter von 10 Jahren fast endgültig über die Bildungs- und Berufschancen unserer Jugend entschieden werden.

Hier schließt die Frage nach der Finanzierung der zusätzlichen Studienplätze an. Die OECD-Länder, die eine höhere Akademikerquote erreicht haben, waren im Wesentlichen mit zwei Strategien erfolgreich: Die nordischen Ländern haben vor allem durch zusätzliche öffentliche Investitionen das Studienplatzangebot erweitert. Die Einkommensvorteile, die der Einzelne aus einem öffentlich finanzierten Studium erzielt, werden dort durch hohe Steuersätze zum Teil an die Gesellschaft zurückgeführt. Wer für mehr Bildung keine höheren Steuern will, muss die Studenten direkt zur Kasse bitten. Wie Eingangs dargestellt, ist ein Studium eine Investition in die eigene Zukunft mit einer erheblichen persönlichen Rendite. Allerdings muss dann sichergestellt werden, dass der oder die Einzelne nicht alleine das Risiko der Ausbildung trägt. Studienkredite, die später in Abhängigkeit vom Einkommen zurückgezahlt werden, können dieses Risiko mildern. Denn ein Studium mach ein höheres Einkommen und einen sicheren Arbeitsplatz wahrscheinlicher - eine Garantie dafür, dass es auch so kommt, bietet auch ein akademischer Abschluss nicht.

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Titelthema Finanzkrise