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Interview mit Jean-Philippe Cotis, OECD-Chefökonom
Börsenzeitung (Gerhard Bläske), 06.10.2006
Frage: Herr Cotis, die Weltwirtschaft wächst derzeit stark. Ist dieses Wachstum dauerhaft?
Antwort: Es gibt da zwei Aspekte, die man berücksichtigen muss. Einerseits gibt
es die mittelfristige Tendenz auf der Angebotsseite, auf der anderen Seite die eher kurzfristigen Konjunkturzyklen. Das mittelfristige Wachstumspotenzial ist durchaus groß, wenn ich Länder wie China, Indien, Japan, die Vereinigten Staaten, ja sogar, in geringerem Maße, Europa betrachte. Das Risiko liegt hier weniger in einem geringen Wachstumspotenzial als vielmehr in Spannungen auf dem Energiemarkt oder durch negative ökologische Folgen wie die Erwärmung der Erde. Was den Konjunkturzyklus betrifft, scheint mir die Situation in Asien robust zu sein. In den USA stellen wir eine Abschwächung fest. Die Frage ist, wie stark sie sein wird.
F: Fürchten Sie ein „hard landing“ in den USA? Welche Konsequenzen hätte das für Europa?
A: Im Augenblick kann ich nur sagen, dass es eine Abschwächung gibt. Wie stark sie sein wird, ist unklar, aber derzeit handelt es sich um eine begrenzte Abschwächung, nicht um eine Rezession.
F: Welche Risiken sehen Sie?
A: Das größte Risiko ist die Lage auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Um eine Überhitzung zu vermeiden, musste die Fed die Zinsen erhöhen. Das hatte beträchtliche Auswirkungen auf den Immobilienmarkt. Das Absinken der Immobilienpreise dämpft den Konsum, weil die Haushalte weniger Kredite aufnehmen können, wenn ihr Immobilienvermögen an Wert verliert. Diese Entwicklung ist insgesamt nicht besorgniserregend. Es gibt jedoch das Risiko, dass hohe Immobilienpreise auch einen spekulativen Aspekt haben und eine Verlangsamung des Wachstums deshalb härter ausfallen kann, wenn der Immobilienboom plötzlich abebbt. Wir haben so etwas vor längerer Zeit in Großbritannien und Australien erlebt. Schließlich ist in beiden Ländern aber doch ein „soft landing“ gelungen, und das ist durchaus auch in den USA möglich. Eine brutale Korrektur ist jedoch nicht ganz auszuschließen. In der derzeitigen Phase der konjunkturellen Abschwächung und inflationärer Spannungen scheint die Pause der Fed in Bezug auf Zinserhöhungen vernünftig.
F: Es gibt auch erhebliche Ungleichgewichte in puncto Defizite und im Welthandel!
A: Das US-Defizit sinkt, und die Binnennachfrage in den USA verlangsamt sich, während sie sich in Japan und Europa verstärkt. Das trägt dazu bei, die Höhe der Ungleichgewichte zu reduzieren. Das große Problem ist China. Wegen des Fehlens effizienter privater oder staatlicher sozialer Sicherungssysteme ist die Sparquote mit 50% extrem hoch und liegt sogar über der Investitionsquote. Die Tatsache, dass China Nettogläubiger ist, ist nicht sehr gesund und darf nicht andauern. Man muss die Finanzmärkte in China reformieren, um Investitionen in China zu favorisieren, sowie eine weniger kontrollierte Geldpolitik betreiben, die an flexiblere Zinsen gekoppelt ist. Die Chinesen haben das gut verstanden, müssen es aber auch umsetzen.
F: Ist Europa heute besser gegenüber einer Krise in den USA gewappnet?
A: Europa ist weniger verwundbar als früher, weil der Konsum anzieht. Allerdings ist man bei starken Störungen nach wie vor anfällig.
F: Ist Europas Wirtschaft stark genug, Zinserhöhungen zu ertragen? Sie waren diesbezüglich lange sehr kritisch. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
A: In der jüngsten Vergangenheit sind mehrere Aufschwünge in Europa zusammengebrochen. Die OECD hat deshalb dafür plädiert, die Geldpolitik erst bei stabilem Wachstum anzuziehen. Inzwischen haben wir zwei aufeinander folgende Quartale mit Wachstumsraten über der langfristigen Tendenz gehabt. Vor diesem Hintergrund spricht nichts mehr gegen eine neutralere Zinspolitik.
F: Die EZB hat angedeutet, dass sie ihre Zinsen weiter anheben könnte, obwohl Rohstoff- und Ölpreise, aber auch die Inflation zurückgehen. Ist das vernünftig?
A: Der Ölpreis geht erst seit kurzem zurück. Es ist deshalb zu früh, darüber ein Urteil zu fällen. Im Unterschied zum Rückgang der Rohstoffpreise, der dauerhaft sein könnte, könnte dies bei den sinkenden Ölpreisen anders sein. Wir freuen uns über den Rückgang, aber es ist doch sehr wahrscheinlich, dass die Ölpreise hoch bleiben.
F: Glauben Sie, dass die Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland die Konjunktur abtötet?
A: Es wird eine Abschwächung geben, aber sie wird die Erholung des Konsums nicht in Frage stellen. Wir haben den Eindruck, dass sich die Wirtschaft darauf einstellt. Man sollte das außerdem nicht dramatisieren. Denn auf der anderen Seite werden Sozialabgaben gesenkt, wodurch dieser Effekt teilweise ausgeglichen wird. Es wird sicherlich einen leichten Anstieg der Inflation geben.
F: Haben Sie den Eindruck, dass die Staaten ihre Lektionen aus dem letzten Aufschwung gelernt haben und jetzt eine vernünftigere Politik betreiben?
A: Ende der neunziger Jahre haben die großen europäischen Länder die zusätzlichen Steuereinnahmen aus dem Wachstum ausgegeben. Der Preis dafür war hoch, weil man dauerhafte Ausgaben mit vorübergehenden Einnahmen finanziert hat. Das strukturelle Defizit ist gestiegen. Das war ein großer Fehler. Es ist zu früh, diesmal ein Urteil abzugeben, aber ich habe den Eindruck, dass die Regierungen diesmal besser aufpassen und nicht wieder eine prozyklische Politik betreiben. Erst die Zukunft wird zeigen, ob man der Versuchung, mehr auszugeben, widerstehen wird.
F: In Frankreich gibt es aber schon wieder eine Diskussion über die Verteilung der Früchte des Wachstums und der Mindestlohn wurde stark erhöht!
A: Die Kosten für gering qualifizierte Tätigkeiten sind in Frankreich sehr hoch. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist. Mit Mindestlöhnen muss man sehr vorsichtig sein. Wenn man sie als Instrument der Einkommenspolitik nutzt, besteht das Risiko, die Betroffenen arbeitslos zu machen. Die wirkliche Rechtfertigung des Mindestlohnes ist bescheidener: Er dient dazu, extreme Armut der Arbeitenden zu verhindern. Es gibt Länder, die diesen Mechanismus beherrschen, ohne dass es Exzesse gibt.
F: Warum hat Deutschland so lange gebraucht, seine Schwierigkeiten zu überwinden?
A: Deutschland hatte es mit einer sehr starken Erschütterung zu tun, der Wiedervereinigung. Die Arbeitskosten in Ostdeutschland sind zu schnell gestiegen. Deutschland hatte vor der Wiedervereinigung einen sehr homogenen Arbeitsmarkt. Heute sind die Unterschiede viel größer. Man sollte deshalb das deutsche Modell behalten, es aber flexibler machen.
F: Die Gespräche zur Handelsliberalisierung sind blockiert. Wie schätzen Sie die Risiken für den Welthandel ein?
A: Für dauerhaftes Wachstum braucht man offene Märkte. Es besteht die Gefahr, dass der Protektionismus zunimmt. Die Verhandlungen sind einstweilen unterbrochen. Doch die Länder erkennen, dass es in ihrem Interesse liegt, weiter zu verhandeln. Ich habe die Hoffnung, dass sie aufwachen. Die Dramatisierung der Lage ist gerechtfertigt und könnte zu einer Bewusstwerdung führen. Niemand wünscht ein Ende der Verhandlungen.
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