"Das Problem der westlichen Ölkonzerne"

Interview mit Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA)
Die Welt (Viktoria Unterreiner), 23. November 2007


 

Frage: Herr Birol, nicht nur Umweltschützer sondern auch einige Ökonomen halten den hohen Ölpreis für eine gute Sache. Teilen Sie diese Ansicht?

Antwort: Einerseits ja. Denn die hohen Preise fördern die Energieeffizienz und das ist gut, weil dadurch der Energieverbrauch insgesamt sinkt. Aber für diese Erkenntnis bräuchten wir keinen so hohen Ölpreis auf dem Weltmarkt. Das gleiche ließe sich auch durch höhere Steuern erreichen.

F: Bislang steckt die Wirtschaft den Ölpreis aber erstaunlich gut weg.

A: Die entwickelten Volkswirtschaften sind heute sehr viel reicher und damit weniger anfällig als noch bei den Ölkrisen der 70er Jahre. Aber das ändert sich, wenn der Preis länger auf diesem Niveau bleibt. Besonders betroffen sind heute schon die Entwicklungsländer. In Afrika hat der hohe Ölpreis südlich der Sahara in den vergangenen drei Jahren das Wirtschaftswachstum um zwei Prozentpunkte gebremst. Das ist umso schlimmer, als dort ohnehin die meisten Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben.

F: Wer verdient momentan am meisten am Preisanstieg?

A: Das meiste Geld davon bekommen die Öl exportierenden Länder, also der Nahe Osten, Venezuela und Russland, aber natürlich auch die Ölfirmen selbst.

F: Wie stark treiben spekulative Geschäfte den Preis nach oben?

A: Ich glaube nicht, dass Spekulanten der Hauptantrieb sind. Sie verschärfen nur die Situation, die durch Knappheit und geopolitische Risiken entstanden ist.

F: Richtig zufrieden können die Förderländer zurzeit aber trotzdem nicht sein, denn der schwache Dollar schmälert ihre Gewinne. Wie ernst nehmen Sie Drohungen einiger Opec-Länder, ihre Währungsreserven in den Euro umzuschichten?

A: Dieses Argument der Opec-Länder kann ich nicht nachvollziehen, denn auch in Euro hat sich der Ölpreis drastisch erhöht. Um ein Fass Öl im Nahen Osten herzustellen braucht man höchstens 20 Dollar. Das ist aber auch schon das Maximum. Heute kostet Öl fast 100 Dollar. Es gibt nicht viele Güter, bei denen man einen fünf Mal so hohen Preis durchsetzen kann. Auf der anderen Seite haben sie sich ja auch nicht beklagt, als der Dollar vor einigen Jahren noch recht stark gegenüber dem Euro war.

F: Zudem würden sich diese Länder ja auch selbst schaden, wenn sie aus dem Dollar herausgehen.

A: Genau so ist es. Das würde den Fall des Dollar noch beschleunigen. Mit einem Ende des Petrodollar ist daher nicht zu rechnen. Diese Länder haben jetzt aber die einmalige Gelegenheit, ihre Volkswirtschaften zu diversifizieren, also nicht mehr nur auf Öl zu setzen. Sie sollten nicht nur in Förderanlagen investieren, sondern auch in andere Bereiche wie etwa Infrastruktur.

F: Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat die Opec aufgefordert, künftig eine wichtigere politische Rolle im Weltgeschehen einzunehmen. Was halten Sie davon?

A: Seit vier, fünf Jahren gibt es einen sehr gefährlichen Trend, dass Öl und Gas immer mehr zu einem politischen Instrument werden. Das sind schlechte Nachrichten für die Weltpolitik. Außerhalb der wichtigsten Förderländer geht die Ölförderung zurück. Dadurch konzentriert sich die Öl- und Gasförderung auf einige wenige Länder wie Saudi Arabien, Iran, Irak, Kuwait, die Arabischen Emirate und Russland. Das erhöht die Gefahr, dass Öl und Gas zu einem Druckmittel werden und steigert das politische Gewicht der Förderländer.

F: Die Ölkonzerne sagen seit Jahren, dass sie die Förderquellen ausweiten und neue erschließen wollen. Aber nichts passiert.

A: Die westlichen Ölkonzerne sind in einer Identitätskrise. Die meisten ihrer Reserven gehen zurück. Es gibt zwar noch riesige Reserven, aber die sind vor allem in den Ländern des Nahen Osten zu finden. Und zu denen haben sie keinen Zuggang. Dadurch verlieren die Firmen aber ihre Geschäftsgrundlage. Auf die westlichen Ölkonzerne kommen daher in den nächsten Jahren große Schwierigkeiten zu. Sie werden zu Nischenanbietern auf dem Ölmarkt schrumpfen, denn sie haben keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr.

F: Im Vergleich zu den Staatskonzernen der Opec-Länder sind die westlichen Firmen Zwerge. Wie lässt sich der Konflikt lösen?

A: Sie können Joint Ventures eingehen. Aber dazu werden sich die Länder im Nahen Osten kaum bereit erklären. Und deren Staatskonzerne haben keine große Eile, neue Ölfelder zu erschließen. Wenn wir nichts unternehmen, werden immer weniger Firmen und Länder den weltweiten Ölpreis bestimmen. Das kommt einem kleinen Erdbeben gleich.

F: Halten Sie es für ausgeschlossen, dass der Ölpreis jemals wieder unter 50 Dollar fällt?

A: Damit können wir in der nächsten Zeit nicht rechnen. Für sinkende Preise brauchen wir dringend mehr Öl auf dem Markt. Die Förderländer müssen mehr produzieren, und die wichtigsten Abnehmer wie Europa, Amerika, China, Japan und Indien müssen ihren Verbrauch drosseln.

F: Wie reagieren die Ölförderer?

A: Sie können jetzt bestimmen, wie dieses Spiel läuft. Wenn ihnen das Ergebnis nicht gefällt, ändern sie einfach die Regeln. Die Öl verbrauchenden Länder sind aber nicht völlig hilflos. Sie müssen dringend ihre Energieeffizienz steigern und sich nach alternativen Energiequellen umschauen, damit sie weniger abhängig sind.

F: Wo wird sich der Preis im kommenden Jahr bewegen?

A: Die Märkte sind extrem nervös. Jede kleine Nachricht kann den Preis derzeit schlagartig nach oben treiben. Dafür reicht es schon, wenn in den USA eine Raffinerie brennt oder es in Norwegen zu einem kurzen Lieferengpass kommt. Sollte eine richtige Krise eintreten, wie etwa ein Krieg mit dem Iran, können die Preise explodieren. Mit fallenden Preisen zu rechnen wäre derzeit schon äußerst optimistisch.

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