"Sparen, sparen, sparen"

Interview mit Nobuo Tanaka, Generalsekretär der Internationalen Energie-Agentur (IEA)
Der Spiegel (Christian Schwägerl
), 51/2007


 

Frage: Herr Tanaka, Sie haben bei der Weltklimakonferenz auf Bali nicht direkt mitverhandelt ...

Antwort:... zum Glück, das Gerangel um Kommata hat manchen Unterhändler nervlich völlig erschöpft.

F: Aber Sie haben Ministern und Delegierten die Erkenntnisse Ihrer Energiefachleute vorgetragen. Was würde passieren, wenn nach der Bali-Konferenz bis zum Jahr 2009 kein wirksamer neuer Klimaschutzvertrag zustande kommt?

A: Wenn alles so weiterläuft, würde die Menschheit im Jahr 2030 etwa 42 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr freisetzen statt der 27 Milliarden Tonnen heute - angeführt von China mit 11 Milliarden Tonnen. Dann stünden uns langfristig bis zu sechs Grad höhere Temperaturen bevor, mit allem, was dazugehört. Wir nennen dieses Szenario "business as usual". Vor allem in Indien und China würden in den nächsten Jahrzehnten Hunderte ineffiziente Kohlekraftwerke ans Netz und für 50, 60 Jahre in Betrieb bleiben. Das ist aber ein Szenario, das nicht Wirklichkeit werden darf.

F: Was schlagen Sie vor?

A: Zunächst sparen, sparen, sparen. Schon wenn Elektrogeräte wie Kühlschränke und Klimaanlagen in China so effizient arbeiten würden wie heute in westlichen Ländern, könnte das Land auf Kraftwerke in der Größenordnung von zwei Drei-Schluchten-Staudämmen verzichten. Man könnte das Geld stattdessen in Bildung und Wissenschaft stecken. Außerdem gibt es sehr wirksame Sofortmaßnahmen. Ein Verbot der verschwenderischen Sorten Glühbirnen würde weltweit rund eine halbe Milliarde Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.

F: Und das reicht?

A: Nein, aber über Effizienz kann man sofort ein Drittel der nötigen Reduktionen erreichen. Wenn man die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre bei einem akzeptablen Wert stabilisieren möchte, müssen jährlich CO2-arme Kraftwerke mit riesigen Kapazitäten ans Netz. Und CO2-intensive Altanlagen müssen beschleunigt stillgelegt werden.

F: Wie lässt sich die Wende erreichen?

A: Um effizienteren Technologien zum Durchbruch zu verhelfen, müssen Kohlendioxid-Emissionen weltweit einen Preis bekommen. Das kann über eine Energiesteuer, über Handel mit Verschmutzungsrechten oder andere Maßnahmen passieren, aber ohne einen Preis für Emissionen werden sich die neuen Technologien nirgendwo durchsetzen. Die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid aus Kraftwerken wird erst wirtschaftlich, wenn der Preis für eine Tonne CO2-Emission in Richtung 50 Dollar geht.

F: Selbst in reichen Ländern wie Deutschland sind die Verbraucher aber schon jetzt von hohen Energiepreisen gebeutelt. Wie soll man da eine weitere Verteuerung politisch durchsetzen?

A: Dazu brauchen Politiker viel Mut. Sie müssen ihrer Bevölkerung klarmachen, dass dies mittelfristig der billigere Weg ist und das Wirtschaftswachstum sogar fördern hilft. Das ist für Politiker riskant, aber diese Aufgabe kann ihnen niemand abnehmen.

F: Effizientere Energietechnologien gibt es nicht ohne Forschung. Steht den Wissenschaftlern ausreichend Geld zur Verfügung?

A: Nach der Ölkrise in den siebziger Jahren sind die Ausgaben für Energieforschung stark gestiegen, auf bis zu 18 Milliarden Dollar im Jahr. Seit fast 20 Jahren investieren Regierungen und Unternehmen aber nur noch etwas mehr als die Hälfte dieser Summe. Dass Forschung sich auszahlt, wenn der Ölpreis bis 2030 dauerhaft auf über 100 US-Dollar pro Barrel steigt, muss sich erst noch herumsprechen.

F: Deutschland ist auf Bali mit dem Ziel aufgetreten, dass bis zum Jahr 2050 jeder Erdenbürger nicht mehr als zwei Tonnen Kohlendioxid produziert. Das ist etwa doppelt so viel, wie ein Inder heute durchschnittlich produziert, aber für einen Deutschen würde es eine Reduktion um 80 Prozent bedeuten. Was halten Sie von diesem Konzept?

A: Es ist dynamisch und dramatisch zugleich. Es gehört nicht zum Auftrag der IEA, darüber ein Urteil zu fällen, aber ganz persönlich finde ich es sehr überzeugend, dass jeder Mensch ein gleiches Recht auf CO2-Emissionen haben soll und die Obergrenze vom Konsens der Klimaforscher definiert wird. Ich bin nun neugierig darauf, wie Frau Merkel die großen CO2-Verursacher davon überzeugen will.

F: Mit welchen Argumenten könnte sie das etwa bei den Chinesen versuchen?

A: Den Chinesen muss klar werden, dass sie nur wachsen können, wenn sie einen anderen Pfad einschlagen als die USA. Mit der hohen Luftverschmutzung und dem niedrigen Wirkungsgrad von heute sind die Grenzen des Wirtschaftswachstums eng gesteckt. China steht aber noch am Anfang seiner Entwicklung und hat deshalb die Riesenchance, eine neue, nachhaltigere Lebensweise zu entwickeln, ein grünes Wachstumsmodell. Hocheffiziente Elektronik, sauberer Transport, sparsame Häuser, ökofreundliche Megastädte - wenn die Chinesen das den Amerikanern vormachen und grüner als die USA würden, dann hätten sie einen unglaublich starken Wettbewerbsvorteil. Vielleicht weckt Merkels Vorstoß sie ja auf.

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