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Interview mit Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA)
Frankfurter Rundschau (Michael Bergius), 22. November 2007
Frage: Herr Birol, was für ein Auto fahren Sie privat?
Antwort: Ich habe keinen Führerschein. Ich nutze öffentliche Verkehrsmittel.
F: Bis wohin darf der Ölpreis klettern, ohne dass es schwere Schäden für die Weltwirtschaft gibt?
A: Schäden gibt es schon jetzt. In den Industriestaaten ist eine Abschwächung des Wachstums erkennbar. Sie wird zunehmen, wenn der Ölpreis weiter so hoch bleibt. Die größten Probleme haben die Entwicklungsländer, deren Stimme kaum gehört wird. Unsere Studien zeigen, dass den Staaten südlich der Sahara in den vergangenen drei Jahren durch den hohen Ölpreis rund zehn Milliarden Dollar jährlich an zusätzlichen Kosten entstanden sind. Jedes Jahr werden zwei Prozentpunkte ihres Wirtschaftswachstums geopfert.
F: Was sollten die Abnehmer tun?
A: Leider gibt es bis heute keine nennenswerten Reaktionen. Dabei könnte man viel tun: Erdöl müsste viel effizienter eingesetzt werden. Man müsste erneuerbare Energien stärker fördern. In wichtigen Abnehmerländern wie China oder Indien wird Erdöl stark subventioniert. Diese Subventionen sollten schrittweise abgebaut werden, damit die Verbraucher ein Gefühl für den wahren Wert bekommen.
F: Ist der hohe Ölpreis von fast 100 Dollar rational begründbar?
A: Wenn man diese Frage stellt, muss man bei den Produktionskosten ansetzen. Aktuell kostet die Förderung eines Barrels im Mittleren Osten maximal rund 20 Dollar. Es gibt wenige Güter, wo der Marktpreis das Fünffache des Produktionspreises beträgt.
F: Was kann man dagegen tun?
A: Man kann dafür sorgen, dass die Märkte weniger nervös reagieren. Die Produzenten müssen mehr Öl auf den Markt geben, die Verbraucher die Nachfrage senken.
F: Kann man schon von einer "Welt-Energiepolitik" reden?
A: Die gibt es noch nicht. Aber es zeichnet sich eine neue Energie-Weltordnung ab: Auf der Anbieterseite sehr Wenige, die am Öl- oder Gashahn drehen - die Golfstaaten, Russland. Und Länder mit rapide wachsendem Energiebedarf wie China und Indien, die den traditionellen Abnehmern im Westen den Rang ablaufen - und künftig die Regeln mitbestimmen werden.
F: Die IEA spricht sich für einen vernünftigen Energiemix aus. Wie sieht der aus?
A: Das hängt immer davon ab, wie die Länder strukturiert sind. Wir sagen nur: Es sollte keine Abhängigkeit von nur einer Energieart oder wenigen Anbietern geben.
F: Stimmt der deutsche Mix?
A: Die Bundesregierung engagiert sich sehr in Energie- und Klimapolitik. Allerdings rate ich dazu, sich einige Dinge genauer anzuschauen: zum Beispiel, dass Deutschland Gas mehr oder weniger von einem großen Anbieter bezieht - und den Ausstieg aus der Atomenergie. Jedes Land kann selbstverständlich frei über diese Fragen entscheiden. Unter Berücksichtigung der Erfahrung anderer Staaten könnte es für Deutschland ratsam sein, im Hinblick auf die Senkung des CO2-Ausstoßes den Atomausstieg zu überdenken.
F: Deutschland hat mit die höchsten Strompreise in Europa. Wissen Sie, warum?
A: So viel ich weiß, hängt das mit der hohen Besteuerung von Energie zusammen und damit, dass die Einspeisung erneuerbarer Energien sehr stark bezuschusst wird.
F: Sind die Produzenten hier zu Lande schuldlos?
A: Ich möchte nicht über Unternehmen reden, nur so viel: Es wäre nicht gerecht, wenn deutsche Unternehmen Gewinne machen dürften, die über dem international üblichen Niveau liegen.
F: Herrscht auf dem deutschen Energiemarkt Wettbewerb?
A: Bei Gas und Strom noch nicht.
F: Die EU-Kommission sieht das ähnlich und fordert bei den großen Konzernen eine strikte Trennung zwischen Produktion und Netzbetrieb. Stimmen Sie zu?
A: Wir haben das der Bundesregierung auch vorgeschlagen, denn es würde die Märkte beleben. Es bleibt auch EU-weit noch viel zu tun. In einigen Ländern sind zwar die Preise gesunken. Man hat sich damals jedoch eine Zunahme der Spieler auf den Märkten versprochen; in Wahrheit erleben wir jedoch eine hohe Konzentration - dass sechs, sieben große Konzerne in Europa die Dinge bestimmen.
F: Die Bundesregierung will unliebsamen Investoren einen Einstieg in strategisch wichtige Firmen erschweren. Müsste der Energiesektor dazu gehören?
A: Versorgungssicherheit ist wichtig, und da kann es Ausnahmeregeln geben. Aber man sollte grundsätzlich nicht mit zweierlei Maß messen. Wir sollten daheim keine Standards setzen, die wir im Ausland nicht antreffen wollen.
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