"Was für Staatsfonds spricht"

Artikel von Helmut Reisen, Counsellor am OECD Development Centre
FTD WirtschaftsWunder, 16. Januar 2008


 

Staatsfonds wecken Abwehrreflexe. Ihre Größe (mehr als 3 Billionen $) und ihre Eigentümer (Staaten) schaffen fruchtbaren Boden für Verschwörungsphantasien. Die wichtigsten Fonds stammen aus Ölförderländern und dem fernen Osten, teils aus ehemaligen Kolonien. Doch anstatt Industriespionage oder geopolitischen Absichten sind es kühle volkswirtschaftliche Motive, mit denen sich die Staatsfonds erklären lassen. Welche Konsequenzen haben sie? Ohne Diagnose dessen, was Staatsfonds finanziert und motiviert, tappen wir im Dunkeln über die Dauer, den Umfang und die Wirkung dieser Fonds.

Kurz gesagt: Staatsfonds sind die logische Konsequenz kräftiger Exporteinnahmen infolge hoher Ölpreise einserseits, sowie hoher volkswirtschaftlicher Ersparnisse in einigen exportstarken Ländern. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive finden sich dabei vier Motive:

1) Die Devisenreserven – meist gehalten als Dollaranleihen - sind zu hoch angesichts der Zins- und Wechselkursrisiken;
2) Vorsorge für die Alterung der Bevölkerung und zukünftige Generationen;
3) Abbau der Rohstoffabhängigkeit durch Diversifizierung der Wirtschaft;
4) Effizienzsteigerung der eigenen Wirtschaft. 

Die mächtigsten Staatsfonds finanzieren sich aus den Devisenerlösen, die der Abbau von Öl - einem nicht erneuerbaren Rohstoff - erbringt; oder sie sind das Resultat exzessiver Kapitalakkumulation, also sehr hoher volkswirtschaftlicher Ersparnis; im Jargon der Volkswirte heißt das  “Dynamische Ineffizienz”. Länder wie China und Singapur sparen zu viel.

Aus der Sicht der Rohstoffexporteure ist die Bildung von Staatsfonds, die die Erlöse im Ausland investieren, wirtschaftlich sinnvoll. Bislang sparen sie noch zu wenig, für sie sollte daher die Vorsorge für die Zukunft im Vordergrund stehen: Denn Abbau und Verkauf nicht erneuerbarer Rohstoffe sind im Grunde ein Akt der Kapitalvernichtung, falls die Erlöse nicht voll in Finanz-, Sach- oder Humankapital investiert werden. Außerdem heißt es, die notorisch volatilen Rohstoffpreise durch Stabilisierungsfonds zu glätten. Das Gesetz sinkender Grenzerträge zwingt diese Länder zur Anlage ihrer Ersparnisse im Ausland: Im Inland mangelt es an profitablen Investitionsmöglichkeiten für das hohe Kapitalangebot.

Wer die Rohstoffländer zwingen will, solche Regeln zu missachten, zwingt sie zur Korruption und Verschwendung heute und zu unnötiger Verbrauchseinschränkung morgen. Die Weltbank berechnet, trotz der konventionell gemessenen Sparquote von über 30% werde in Russland und Saudi-Arabien zuwenig gespart, um das Verbrauchsniveau für zukünftige Generationen zu halten.

Aber auch aus der Sicht der Europäer als Ölimporteure verbieten sich Hürden für Staatsfonds: Rohstoffe unterliegen als Teil des Anlagevermögens den Gesetzen der Ertrags-Arbitrage. Wer den Ölförderern verbietet, die Erlöse rentabel im Ausland anzulegen, zwingt sie indirekt zur Reduktion der Förderung und bewirkt damit noch höhere Ölpreise. Besser ist eine Öleinfuhrsteuer, um Staatsfonds aus Ölförderländern die Finanzierung zu entziehen; auch der Umwelt  und dem Dollar würde es nicht schaden…

Anders ist die Finanzierung der Staatsfonds aus Ostasien zu beurteilen: Sie sind das Ergebnis von Zwangssparen und exzessiver Kapitalakkumulation. Neueste empirische Untersuchungen weisen nach, dass China und Singapur ‚dynamisch ineffizient‘ sind. Anders als in den OECD-Ländern speist sich ihr Wachstum mehr aus der reinen Faktor-Akkumulation als aus Produktivitätszuwächsen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht sparen diese Länder zu viel.  Inzwischen ist soviel Kapital akkumuliert worden, dass die Investitionseinkünfte unter dem Investitionsaufwand liegen. Es wird heute zuwenig konsumiert.

Die rapide Alterung Ostasiens gepaart mit einer Abneigung gegen Immigration zwingen zwar zum Vorsparen. Wenn das übertrieben wird und der Kapitalertrag unter die Wachstumsrate fällt, wäre ein staatliches Umlageverfahren dem Kapitaldeckungsverfahren zur Altervorsorge überlegen. Damit ließe sich in China die Verschlechterung der Gesundheitsversorgung der ländlichen Bevölkerungsgruppen zu stoppen.

Früher bekannt als Produzent ‚billiger’ Waren, produzierte China bislang auch ,billige’ Ersparnisse. Da ein Großteil der Reserven in niedrig verzinste US-Staatsanleihen investiert wurde und die USA ein entsprechendes Leistungsbilanzdefizit mit China aufweisen, gewährte China den Amerikanern gleichsam billige Lieferantenkredite.  Die aufgehäuften Devisenreserven – 1,4 Billionen $ - wurden zur Erblast, wegen der aufgetürmten Zins- und Wechselkursrisiken und da die Zentralbank die monetäre Kontrolle verloren hat.  Spekulationsblasen an den Immobilien- und Aktienmärkten folgen. Chinas Reserven sind etwa eine Billion $ höher als nötig, um die kurzfristigen Auslandsschulden und drei Importmonate abzudecken. Dieser Bestand plus die zukünftigen Leistunsbilanzüberschüsse weisen auf das potentielle Finanzierungspotential der chinesischen Staatsfonds.

Die arabischen Emirate, die den weltgrößten Staatsfonds halten, verwenden diesen zur energischen Diversifizierung ihrer Wirtschaft weg vom Öl. Das ist ebenso legitim wie das vierte Motiv, die Effizienzsteigerung der Wirtschaft.

So gesehen wird auch die Struktur der Investitionen der Staatsfonds deutlich. In letzter Zeit gingen diese verstärkt in westliche Finanzintermediäre, vor allem in große Banken. Aus ökonomischer Perspektive sind also Motive und Finanzierungsquellen der Staatsfonds hinreichend plausibel. Für Konspirationstheorien bleibt da wenig Platz.

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